[Part I - DIE FAHRT ZUM MARS]
Im Jahr der neuen planetaren Fahrt
Verließ die Kepler ihren Erdenhafen
Sechs Menschen folgten einer fernen Spur
Indes die Küsten hinter ihnen sanken
Der Mond verlor allmählich sein Gesicht
Die Erde schrumpfte hinter den Fenstern
Instrumente maßen Teilchen, Masse, Licht
Der Kurs verlief durch unbehauste Fernen
Kein Seefahrer kannte solche Räume
Kein Sextant hätte dort den Weg gewiesen
Was lange nur in Formeln möglich schien
Lag nun vor Augen derer, die es wagten
Ein Schwarm aus Splittern kreuzte ihre Bahn
Metall und Stein von sonderbarer Dichte
Geschmolzenes Silikat verriet ein Alter
Das jede erste Deutung überstieg
Die Probe kam versiegelt ins Labor
Mit Fundposition und Masse eingetragen
Noch galt sie nur als rätselhafter Körper
Ein Findling auf uralten Sonnenbahnen
Nach Monaten gewann der Mars Gestalt
Zuerst als Funke, später als Planet
Olympus Mons erschien im rötlichen Licht
Valles Marineris teilte die Ferne
Die Kepler sank durch dünne Atmosphäre
Der Rumpf erbebte während des Abstiegs
Krater folgten ausgetrockneten Becken
Geröll bedeckte uralte Flussbetten
Jenseits der Bahnen, jenseits der Zeit
Wartet ein Rätsel in kosmischer Weite
Fern von der Erde, verborgen im Stein
Kann das Vergangene gegenwärtig sein
Was dort am Himmel so fremdartig scheint
War lange vor uns durch Schicksal vereint
Weiter hinaus, wo Gewissheit entschwand
Führt diese Reise zum unbekannten Land
Am dritten Morgen, nahe einer Schlucht
Empfing das Radar Antwort aus der Tiefe
Gerade Linien zeichneten den Grund
Zu regelmäßig für ein Werk des Zufalls
Sechs Pfeiler standen halb im roten Sand
Bedeckt mit einer unbekannten Schrift
Ein matter Schein erwachte in den Zeichen
Sobald das Lampenlicht die Fläche traf
Der Boden gab ein dunkles Portal frei
Dahinter führten Stufen abwärts fort
Die Temperatur nahm stetig zu
Obwohl die Sonne draußen schwächer wurde
Kilometer schwanden auf den Anzeigen
Roher Fels wich makellosen Flächen
Leuchtende Adern liefen durch die Wände
Gespeist aus einer unsichtbaren Quelle
Schließlich mündete der Schacht an einem Tor
Von jenseits drang das Rauschen eines Stromes
Maschinen arbeiteten fern im Dunkel
Als eine Gestalt ins blaue Leuchten trat
Hinter dem Fremden öffnete sich langsam
Die unerhörte Weite einer Stadt
[Part II - DIE STADT IM INNEREN]
Terrassen stiegen durch gewaltige Kavernen
Kanäle führten Wasser durch die Tiefe
Kristallene Körper spendeten Helligkeit
Wo niemals Morgen durch ein Fenster fiel
Bläuliche Gewächse säumten warme Seen
Gewölbe hielten Luft und Wärme fest
Hoch über Straßen liefen schmale Stege
Auf denen fremde Wesen weiterzogen
Die Bewohner kamen unbewaffnet näher
Hochgewachsen, schmal, mit dunklen Augen
Unter dem verwüsteten Planeten
Hatten Generationen weitergelebt
Ein Greis trug Zeichen auf der Brust
Die ihre Form mit seiner Sprache wechselten
Ein kleines Gerät zerlegte seine Laute
Und gab sie stockend auf Deutsch zurück
Was ihr dort oben saht, sind unsre Ruinen
Die Wüste war nicht immer unser Mars
Wo Staub die ausgedörrten Becken füllt
Bewegten sich einst Schiffe auf den Meeren
Sie gingen durch Archive voller Karten
Vorüber an den Resten alter Botanik
Samen ruhten dort aus grünen Wäldern
Embryonen unbekannter Geschöpfe
Ein Saal bewahrte Küstenlinien, Inseln
Niederschlagskarten, Häfen, Flussgebiete
Mars erschien darin bewölkt und wasserreich
Mit Vegetation in milderen Zonen
Die Karten waren mehr als bloße Karten
Sie bargen Jahreszeiten, Wege, Heimkehr
Die Erinnerung an Regen auf den Dächern
Und an den Wind auf längst versunknen Kais
Jenseits der Bahnen, jenseits der Zeit
Lebt noch das Rätsel in verborgener Weite
Tief unter Mars, eingeschlossen im Stein
Kann das Vergangene gegenwärtig sein
Was von der Ferne wie Ödnis erschien
Bewahrte noch Städte im künstlichen Glühn
Weiter hinab, wo kein Tageslicht stand
Führt diese Reise durch marsianisches Land
Im Zentrum einer Halle wuchs ein Modell
Des Sonnensystems aus farbigem Licht
Merkur, Venus, Erde, Mars erschienen
Doch jenseits davon kreiste noch eine Welt
Gewaltige Meere umgaben ihre Länder
Inselketten lagen nahe dem Äquator
Ihre nächtliche Hälfte war besät
Mit Lichtern dicht bewohnter Metropolen
Der Greis sprach leise den vergessenen Namen
Und über ihnen schwebte Tiamat
Die Darstellung glitt durch frühere Epochen
Bis Schiffe beide Welten regelmäßig verbanden
Forschung, Handel, Heilkunst, neue Lehren
Gelangten von Planet zu Planet
Auch Mars trug damals Wolken über Meeren
Regen speiste Seen und breite Flüsse
Am Rand des Modells erschien ein Himmelskörper
Dessen Bahn zunächst kaum Sorge weckte
Mit späteren Umläufen wuchs die Abweichung
Tiamats Monde verloren ihren Rhythmus
Aus kleinen Abweichungen wurden düstere Gewissheiten
Auf Mars entstanden Zufluchtsräume in der Tiefe
Während die Schwesterwelt am Himmel heller wurde
Und niemand wusste, wie viel Zeit noch blieb
Als die Projektion ihr Leuchten verlor
Blieb der Greis noch lange davor stehen
Sein Blick ruhte dort, wo Tiamat gewesen war
Nun werdet ihr verstehen
Weshalb wir unter unserer Heimat leben
[Part III - DER FALL DES HIMMELS]
Tiamat erschien über die ganze Wand
Wolken zogen über weite Ozeane
Inselreiche lagen nahe dem Äquator
Flussdeltas zeichneten die Kontinente
Die Abweichung der Bahn nahm langsam zu
Gezeiten erreichten ungewohnte Höhen
Vulkane öffneten uralte Schlote
Küstenstädte wurden aufgegeben
Vom Mars aus wurde Tiamat heller
Observatorien verglichen ihre Daten
Was anfangs wissenschaftlichen Streit entfacht hatte
Ließ schließlich keine günstige Deutung zu
Rettungsschiffe verließen einzelne Häfen
Doch keine Flotte barg Milliarden Leben
Mars nahm Flüchtlinge in Stationen auf
Indes die letzte Frist der Schwesterwelt verrann
Die Kruste barst an zahllosen Verwerfungen
Glut quoll durch klaffende Kontinentalplatten
Ozeane verdampften über den Spalten
Gebirge versanken in tektonischer Gewalt
Vom Mars sah man ein solches Leuchten
Dass selbst die Nacht ihren Himmel verlor
Was Jahrmillionen eine Welt gewesen war
Zerfiel in einer planetaren Katastrophe
Fragmente schossen durch das Sonnensystem
Stürzten sonnenwärts oder wurden fortgeschleudert
Myriaden blieben auf zerrissenen Umläufen
Im Raum jenseits der marsianischen Bahn
Was Menschen später als Asteroidengürtel
In ihre Himmelskarten schreiben würden
Blieb im Gedächtnis der Marsbewohner
Der ausgedehnte Friedhof ihrer Schwesterwelt
Jenseits der Bahnen zerbrach eine Zeit
Feuer verschlang die bewohnte Weite
Tief unter Mars, eingeschlossen im Stein
Prägte sich Tiamat ins Gedächtnis ein
Was nun als Trümmer die Sonne umzieht
Trug einst Städte, bevor alles verschied
Weiter zurück, wo Geschichte verbrannt
Führt die Erinnerung zum verlorenen Land
Bald erreichten erste Fragmente den Mars
Weitere Einschläge folgten über Jahre
Becken verdampften, Regionen verbrannten
Staubschichten verdunkelten die Sonne
Die Atmosphäre verlor zunehmend Dichte
Offenes Wasser wich aus vielen Zonen
Strahlung traf die ungeschützten Flächen
Während Frost über die Ebenen vordrang
Längst zogen Bewohner in geschützte Kavernen
Archive gelangten in gesicherte Kammern
Reaktoren speisten künstliche Beleuchtung
Reservoire lieferten Wasser und Wärme
Wer Regen noch auf seiner Haut gekannt hatte
Erzählte später Kindern von Gewittern
Deren Nachkommen sahen offene Meere
Nur noch in den historischen Archiven
So wurde Erinnerung zum zweiten Himmel
Für jene, die den ersten nie mehr sahen
Ein Kind, geboren fern von jeder Wolke
Kannte das Wort Meer, doch nicht sein Rauschen
Oberhalb verschwanden Häfen und Metropolen
Während im Planeten neue Bezirke wuchsen
Eine Zivilisation verlor den Horizont
Und trug ihn fortan in ihrem Gedächtnis
Nach Äonen hatte Staub die letzten Ruinen
Bis auf vereinzelte Spuren fortgenommen
Krater überlagerten Straßen und Kanäle
Mars erhielt sein späteres Antlitz
Nun wechselte die Darstellung zur Erde
Nach Tiamats Untergang hatte ein Schiff
Mit biologischen Archiven, Saatgut und Geräten
Kurs auf den jungen blauen Planeten genommen
Sein Ziel lag in einer fernen Region
Deren Grenzen damals niemand gezogen hatte
Auf die Frage nach dem Ausgang jener Mission
Antwortete der Greis mit einer Karte
Ein Licht erschien auf einem irdischen Gebiet
Die Koordinaten gingen in den Speicher der Kepler
Der Greis betrachtete die sechs Reisenden
Und bat sie, dort nach der Heimkehr zu suchen
Während die verborgene Stadt
In ihre künstliche Nachtphase glitt
Bereitete die Mannschaft den Rückflug vor
Mit Tiamats Chronik im Gedächtnis
Und einem ungelösten Rätsel auf der Erde
[Part IV - DREIZEHN JAHRE]
Als die Kepler ihre Triebwerke zündete
Lagen dreizehn Jahre hinter der Expedition
Auf der Erde war dieselbe Spanne vergangen
Unter Mars hatte sie ein anderes Gewicht erhalten
Aus Besuchern waren Chronisten geworden
Aus einer Mission ein Teil ihres Lebens
Nun sank der rote Planet im Heckfenster
Phobos glitt dunkel am Schiff vorüber
Im Frachtraum lagen Proben und Archive
Aufzeichnungen einer versunkenen Epoche
Dazu jene Koordinaten auf der Erde
Die der Greis ihnen zum Abschied gegeben hatte
Monate später wuchs der blaue Punkt
Wolkenbänder zeichneten sich zuerst
Danach Ozeane, Küsten und Gebirge
Bis aus dem Gestirn erneut die Heimat wurde
Die Funkstation erkannte ihre Kennung
Vertraute Stimmen kamen aus der Ferne
Die Zeit hatte auf beiden Seiten gleich gezählt
Doch niemand kehrte als derselbe Mensch zurück
Kinder waren zu Jugendlichen geworden
Vertraute Gesichter trugen neue Jahre
Auch in den Heimkehrern lebte diese Spanne
Geschrieben in Erfahrung und Erinnerung
Dreizehn Jahre auf einem fremden Planeten
Hatten den Begriff der Fremde verändert
Wer lange genug in einer anderen Welt verweilt
Nimmt etwas von ihr in seine Heimat mit
Jenseits der Bahnen, nach dreizehn Jahren
Kehrten sie heim mit dem, was sie erfuhren
Tief in zwei Welten, verborgen im Stein
Kann eine uralte Verwandtschaft sein
Was auf dem Mars als ein Rätsel begann
Rührte auf Erden an uralte Fragen heran
Weiter zurück, als Erinnerung reicht
Lebt eine Vergangenheit, die vor keinem Morgen weicht
Die Landung erfolgte im frühen Morgen
Forscher übernahmen Proben und Archive
Verglichen Messwerte, prüften Materialien
Ließen Datierungen unabhängig wiederholen
Nicht jeder Befund erlaubte eine Deutung
Manches widersetzte sich vertrauten Modellen
Doch in den Daten wartete jene Karte
Die dreizehn Jahre mit der Kepler gereist war
Noch einmal erschienen die Koordinaten
Die tief im Mars der Greis ihnen gegeben
Dort lag die letzte Frage ihrer Reise
Nun auf der Welt, zu der sie heimgekehrt
[Part V - BUCH, DAS ERBE DER WELTEN]
Die Expedition folgte den Koordinaten
Bohrungen durchdrangen mächtigen Granit
Darauf eine uralte Schmelzzone
Die aus vergessenen Erdzeitaltern stammte
In größerer Tiefe traf das Gerät
Auf eine unbekannte Legierung
Unter dieser Schicht lag eine Kammer
Deren Wände keinerlei Inschrift trugen
Im Zentrum ruhte ein künstlicher Apparat
Älter als jede bekannte menschliche Kultur
Als die Daten aus Mars eingespeist wurden
Liefen Zeichen über dunkle Flächen
Eine Sternenkarte entstand im Raum
Auf der Mars und Erde gleichzeitig leuchteten
Eine Linie verband die beiden Planeten
Danach erschien das verlorene Tiamat
Biologische Datensätze öffneten sich
Gesammelt vor unvorstellbaren Zeiträumen
Marsianische und irdische Sequenzen
Standen gemeinsam in der Projektion
Die Unterschiede blieben deutlich sichtbar
Doch einzelne Muster kehrten auf beiden Seiten wieder
Die Forscher ließen die Deutung offen
Solange weitere Prüfungen ausstanden
Jenseits der Bahnen, jenseits der Zeit
Bleibt eine Frage in kosmischer Weite
Tief in zwei Welten, verborgen im Stein
Kann eine uralte Verwandtschaft sein
Tiamats Trümmer umkreisen das Licht
Doch mit dem Untergang endet Geschichte nicht
Weiter hinaus, wo Gewissheit entschwand
Führte die Ferne zurück ins vertraute Land
Das Archiv versprach Arbeit für Generationen
Denn jede Antwort öffnete weitere Rätsel
Was tief auf Mars als Chronik begonnen hatte
Reichte nun bis in die Geschichte der Erde
Am Abend trat der Kommandant hinaus
Mars stand als roter Punkt am Himmel
Vor dreizehn Jahren war er aufgebrochen
Um einen fremden Planeten zu erforschen
Nun wusste er, dass Fremdheit eine Grenze ist
Die Erkenntnis immer weiter zurückverlegt
Unter der Wüste einer anderen Welt
Hatte er lebendige Geschichte gefunden
Tief im Boden seiner eigenen Erde
Wartete ein Zeugnis derselben Vergangenheit
Die größte Entfernung seiner Reise
Lag schließlich nicht im Raum, sondern in der Zeit
Mars folgt seiner uralten Bahn
Die Erde zieht durch denselben Sonnenraum
Tiamats Reste kreisen noch immer dort
Wo einst eine bewohnte Welt die Sonne umlief
Unter dem roten Planeten lebt ein Volk
Dessen Kinder den Ozean aus Archiven kennen
Im irdischen Gestein ruht ein Werk
Dessen Herkunft noch Generationen beschäftigen wird
Das Fremde verliert seine alten Grenzen
Sobald seine Geschichte die eigene berührt
Und Heimkehr erhält eine andere Bedeutung
Wenn der Ursprung selbst zum Geheimnis wird